Mein Fahrradhändler und ich

Autor: Provinzpapst

30. Mai. 2021

Es gibt Menschen, denen man sehr viel verdankt. Da möchte ich an dieser Stelle unbedingt meinen Fahrradhändler erwähnen.

Als ich zum ersten Mal seinen Laden betrat, stand er am Tresen und plauderte mit einem jener Mitmenschen, die sich krachbunte, mit Werbung übersäte Plastikhemden überstreifen, bevor sie mit militantem Blick auf ihre Spaghettiräder steigen, um Kinder und andere Randgruppen zu überfahren, die auf dem Schulweg Fahrradwege überqueren. Wenn sie stehen, erkennt man sie schon von weitem am luftdichten Geruch, aber im Fahren bemerkt man sie erst, wenn man angeschrien wird, während sich Reifenspuren auf der Nase bilden. Ich schob also gerade mein schäbiges, ungeputztes Rad in den Laden, um es zur Reparatur anzumelden, während er sich mit dem Herrn im Clownskostüm über Leute ausließ, die ihre schäbigen Fahrräder zur Reparatur bringen, ohne sie vorher zu putzen. Als ich die öffentliche Saubermannvereidigung kurzfristig wieder verlassen wollte, nickte mein Fahrradhändler mir freundlich zu und fragte mich, wie er mir denn helfen könne.
Ich fühlte mich deplaziert, war verwirrt und stammelte mit einer Stimme, die nicht meine war: „Ich hätte gerne so ein schönes buntes Hemd da.“ Gesagt ist gesagt. Mein Urgroßvater war Ritter. Wir stehen zu unserem Wort. Ich probierte also ein lila Neonshirt, in dem mein Bauch sich nicht nur so anfühlte, sondern auch so aussah wie ein vakuumverpackter Rinderbraten. Ich durfte damit ab sofort für einen großen Telefonkonzern, für Bananen und Knackwürste Werbung fahren und das für nur 150 Euro. Ein Preis, der mich spontan begeisterte.
Dazu empfahl er mir eine dieser im Schritt so vorteilhaft gepolsterten Rennhosen, die den Eindruck erwecken, dass man nicht Herr aller Muskeln ist. Aber er meinte, diese Hose sei eine einzige semipermeable Ausgleichsmembran, ließe also alles rein, aber nichts raus oder war es umgekehrt? Seine Schlussfolgerung war letztendlich, dass nichts schief gehen könne und ich legte artig ein halbes Monatseinkommen auf den Tisch. Er aber stand wie gelähmt hinter dem Tresen und beargwöhnte in Zusammenarbeit mit dem Zweiradclown mein Fahrrad.
Schließlich fragte er mich so ganz nebenbei, ob ich das denn zur Reparatur hier lassen wolle. „Noooin“ entgegnete ich, „das ist nur so ein schlechtes Beispiel, das ich mit mir herumtrage“ „Ach so“, meinte er und wir lachten herzlich, während er einige von meinem Rad abgefallenen Klumpen aus Öl, Dreck und Rost aufsammelte, damit ich nicht noch mehr in den Teppich treten konnte.
Dieses Zugehörigkeitsgefühl war großartig und mein Fahrradhändler hat letztendlich dafür gesorgt, dass es mir dauerhaft erhalten bleibt. Wir scherzten, lachten und schlossen Freundschaft.

Mein neues Fahrrad hat Räder ohne Rollwiderstand, scharf genug, unflätige Fußgängerrowdies von ihren krummen Zehen zu befreien. Die Klingel hatte ich schon immer im Verdacht, meine Windschlüpfrigkeit zu behindern, ich vermisse sie auch nicht als Signalgeber, denn mein Fahrrad hält selbst nach starker Fremdeinwirkung treu die Spur. Und Klingeln auf der Autobahn ist ohnehin verboten. Der Fortschritt hat mich auch endlich von sinnlosen Schutzblechen befreit, so dass mir das Schmutzwasser ungehindert ins Gesicht spritzen kann, was mir sehr dabei hilft, während der Fahrt ein bösartiges Profigesicht zu machen. Die Krönung meiner Ausrüstung ist allerdings die Sonnenbrille „Bikers Dream“. Wenn man sie aufsetzt, zeigen alle Ampeln nur noch Grün. Empfehlenswert. Und extremely cool!

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